Rechenschwäche und Dyskalkulie im Montessori-Alltag: Was ich wirklich sehe
Da sitzt es nun vor der Matheaufgabe und versteht die Welt nicht mehr.
Nicht, weil es nicht klug genug wäre oder weil es sich nicht bemüht hätte, sondern weil das Rechnen für manche Kinder wie ein Raum ist, in dem sich Türen plötzlich verschieben oder verschließen.
Gerade war noch alles da, klar, greifbar und im nächsten Augenblick wirkt es, als hätte sich der Boden kurz geöffnet.
Rechenschwäche und Dyskalkulie im Montessori-Alltag: Was ich wirklich sehe
Da sitzt es nun vor der Matheaufgabe und versteht die Welt nicht mehr.
Nicht, weil es nicht klug genug wäre oder weil es sich nicht bemüht hätte, sondern weil das Rechnen für manche Kinder wie ein Raum ist, in dem sich Türen plötzlich verschieben oder verschließen.
Gerade war noch alles da, klar, greifbar und im nächsten Augenblick wirkt es, als hätte sich der Boden kurz geöffnet.
Oft zeigt sich dies bei Kindern, die mit Dyskalkulie oder einer Rechenschwäche ringen. Manchmal scheint es, als hätten sie alles wieder vergessen, das ganze Rechengerüst ist plötzlich einfach futsch. Es ist fast immer dieses Hin und Her, ein Vorwärtsgehen, das sich nicht ganz gerade anfühlt. Eher wie drei Schritte vor und dann wieder ein Schritt zurück. Und dieser Schritt zurück wirkt von außen manchmal größer, als er ist.
Manchmal sind es nur kleine Dinge, kaum sichtbar, und doch tauchen sie immer wieder auf.
Dass ein Kind Mengen nicht intuitiv erfassen kann.
Dass es sich mit dem Zählen nach vorne und hinten schwertut.
Dass Stellenwerte verschwimmen oder Reihen keinen Halt geben.
Dass Rechenwege, die gestern noch funktionierten, heute wieder wegrutschen.
Für Kinder fühlt sich das oft so an, als würde die ganze Welt an ihnen vorbeiziehen, und das bleibt nicht ohne Wirkung. Es macht etwas mit ihrem Selbstwert, wenn sie sehen, wie andere Kinder scheinbar mühelos weiterziehen, während sie selbst stocken.
Und je größer der Abstand wird, desto unüberwindbarer scheint die Kluft, die sich da auftut …
All das sind keine Beweise und fertige Diagnosen für eine Dyskalkulie, aber Hinweise darauf, dass das Denken hier einfach anders arbeitet.
Und genau dieses „anders“ verdient Aufmerksamkeit – nicht Sorge.
Wenn Ordnung im Denken entsteht
Ich durfte lernen, dass es hier oft nicht darum geht, ein Ergebnis zu bekommen, sondern einen Weg sichtbar zu machen, der vorher im Schatten lag:
Ordnung schaffen am Arbeitsblatt, im Material, im Denken.
Die Montessori-Materialien helfen dabei oft erstaunlich gut, weil sie genau das machen, was viele Kinder brauchen: Sie geben Struktur, Halt und Raum für Wiederholung. Es gibt dem Denken Halt, bevor es abstrakt werden muss, denn jeder Baustein steht für sich, jede Schwierigkeit ist isoliert und plötzlich wird sichtbar, was vorher nur erahnt war.
Was Kindern hier meist am besten hilft, ist ein Raum, in dem sie nicht ständig schneller sein müssen, als sie können. Ein Raum, in dem wir den Schritt so klein machen, dass er wirklich begehbar ist. Nicht drängen, nicht ziehen, sondern sichtbar machen, wo der Weg gerade zu groß geworden ist.
Manchmal ist es ein neu geordneter Zettel, manchmal ein Rechenschritt weniger. Manchmal das Auslassen von allem, was gleichzeitig gehalten werden müsste. Und plötzlich entsteht wieder Luft …
Aber auch hier kommt man irgendwann zu diesem Moment – zu dem Sprung in die Abstraktion. Und genau da zeigt sich, wie unterschiedlich Kinder sind, selbst wenn mit dem Montessori-Material zuvor alles noch funktioniert hat. Manche Kinder nehmen den Sprung leicht, andere Kinder brauchen Vorläufe, Wiederholungen, Pausen.
Und wieder andere brauchen alternative Wege.
Wenn man Kinder als Pädagog*in, Nachhilfelehrer*in oder Elternteil begleitet, die sich mit Mathematik schwertun, dann begegnet man immer wieder einem Begriff, der für viele noch fremd klingt: Neurodivergenz.
Damit ist nichts „Großes“ oder „Schwieriges“ gemeint, es beschreibt lediglich, dass das Gehirn auf eine etwas andere Art arbeitet.
Nicht falsch, nicht schlechter, einfach nur anders.
Manche Kinder denken eher bildhaft, manche brauchen mehr Zeit für Übergänge, manche verlieren sich leichter in Details, und manche können zwei Schritte gleichzeitig halten, aber keine drei und genau das zeigt sich dann beim Rechnen.
Nicht als Defizit, sondern als ein anderes Denken, als Divergenz.
Natürlich bedeutet nicht jedes Stolpern, dass eine Dyskalkulie oder Rechenschwäche dahintersteckt. Manche Kinder brauchen einfach ein anderes Tempo, andere Bilder, andere Wege. Aber jedes Stolpern verdient Hinschauen.
Nicht, um zu pathologisieren, sondern um zu verstehen.
Und wenn man das einmal verstanden hat, dann sieht man vieles klarer: denn diese Kinder scheitern nicht an der Mathematik selbst, sie scheitern oft an der Art, wie wir Mathematik aufbauen: zu schnell, zu groß, zu unstrukturiert.
Und plötzlich wird etwas, das vorher wie ein Stolperstein wirkte, zu einem Hinweis:
„Hier braucht das Gehirn einfach eine andere Tür, einen anderen Zugang, einen anderen Weg.“
Es ist nicht der Wille – es ist die Last
Ich erkläre das manchmal so wie bei einem Computer:
Wenn zu viele Programme gleichzeitig offen sind, wird alles langsam.
Ich nehme an du kennst das: Es ruckelt, es hängt, es reagiert verzögert und der RAM ist einfach voll. – Manchmal bleibt sogar der Bildschirm kurz stehen.
Wenn du dann im Task-Manager das EINE Programm schließt, das den ganzen Arbeitsspeicher frisst, läuft plötzlich alles wieder ganz normal.
Nicht, weil der Computer vorher „kaputt“ war, sondern weil es einfach zu viel auf einmal war, zu viele Programme haben den ganzen Arbeitsspeicher gefressen und das System überlastet.
Und bei Kindern mit einer Rechenschwäche ist es ganz ähnlich.
Wenn zu viele Rechenschritte gleichzeitig im Kopf gehalten werden müssen, noch bevor die Automatisierung wirklich abgeschlossen ist, bleibt das Denken manchmal einfach stehen.
Und dann hilft dann kein Drängen, kein „Du kannst das doch“, kein Wiederholen im gleichen Tempo, weil das Problem nicht der Wille ist, sondern die Überlastung.
Was hilft, ist das Aufbrechen. Kleine Bausteine. Kleine Schritte. So klein, dass das Kind sie wirklich tragen kann, denn erst, wenn wir die Last verringern, beginnen die Schritte wieder greifbar zu werden.
Schritt für Schritt – wirklich Schritt für Schritt
Ein Beispiel:
Ein Kind kann bereits mehrstellige Zahlen schriftlich subtrahieren und es stellt mittlerweile kein Problem mehr da. Aber sobald bei der Rechnungsangabe Dezimalzahlen dazukommen, bricht plötzlich alles zusammen.
Nicht, weil die Aufgabe plötzlich „schwer“ wäre, sondern weil hier ein zusätzlicher Denkschritt auftaucht, der das ganze Kartenhaus plötzlich ins Wanken bringt: das richtige Untereinanderschreiben.
Das mag für den einen ganz banal klingen, und im Handumdrehen hat er es vielleicht verinnerlicht – das heißt aber nicht, dass es bei jedem so ist und sein muss.
Unsere Aufgabe ist ja immer, das Kind in seiner persönlichen Entwicklung zu begleiten.
Also nehme ich genau DIESEN Schritt heraus.
Nur das.
Das richtige Aufschreiben von schriftlichen Subtraktionen mit Dezimalzahlen aus einer Angabe.
Nur das Notieren, kein Rechnen.
Und je kleiner der Schritt wird, desto greifbarer wird er für das Kind, fast so, als würde sich die Aufgabe plötzlich in der richtigen Größe zeigen. Manchmal wirkt dieser Minischritt dann sogar „zu leicht“, fast banal für das Kind – und genau da wollen wir hin!
Jetzt sind wir da, wo sich plötzlich wieder die Tür in greifbarer Nähe befindet.
Denn „zu leicht“ heißt in diesem Fall: Das Kind wird nicht mehr überrollt. Es muss nichts mehr gleichzeitig jonglieren, nichts mehr im Kopf zusammenhalten, es wird nicht mehr vom Denken selbst überfordert. Es kann einfach folgen, Schritt für Schritt, ohne dass ein inneres Programm den gesamten Speicher frisst oder alles andere stehenbleibt.
Und wenn ein Schritt so oft wiederholt wurde, dass er wirklich im inneren Denken angekommen ist – also nicht mehr bewusst gehalten werden muss – dann wird das Arbeitsgedächtnis wieder frei.
Genau dort beginnt das Leichte.
Genau hier greift das Kind quasi selbstständig zur Türklinke und öffnet die nächste Tür.
Und dann kann man die Schritte, die man zuvor zerlegt hat, ganz einfach wieder zusammenfügen, und plötzlich wirkt das, was vorher unmöglich erschien, ganz selbstverständlich. Nicht, weil das Kind „plötzlich klüger“ geworden wäre, sondern weil das Denken jetzt Platz hat. Die einzelnen Teile sind verinnerlicht, sie greifen ineinander, ohne dass alles gleichzeitig im Kopf gehalten werden muss.
(Bei einem Kind, das sich beim Subtrahieren sehr schwertut, fällt oft das ergänzende Subtrahieren leichter als das herkömmliche Verfahren, weil das Kind dabei eine Art Additon durchführt statt zu subtrahieren. Diese Vorwärtsbewegung im Denken ist für viele deutlich intuitiver als der gedankliche Schritt „nach hinten“, den die klassische Subtraktion verlangt.
Aber Menschen sind verschieden – man darf es auf jedenfall testen und ausprobieren ; )
Das leise Aufrichten im Inneren
Und genau in diesem Moment passiert oft etwas sehr Schönes:
Das Kind merkt, dass es kann.
Dass etwas geht.
Dass dieser große, schwere Berg von Mathematik vielleicht doch besteigbar ist – nur eben anders, in kleineren Etappen. Es spürt wieder Boden unter den Füßen, und aus dem Gefühl von „alles ist zu viel“ wird langsam ein „ah, so geht das also“.
Und genau da beginnt etwas, das man kaum messen kann, aber deutlich spürt: dieses kleine Aufrichten im Inneren, dieses leise „Vielleicht kann ich das doch.“ : )
Ein Funke von Zutrauen, der vorher nicht da war, weil alles immer nur wie ein einziges großes Scheitern wirkte.
Wenn ein Kind merkt, dass ein Schritt gelingt, dann verändert das etwas. Nicht nur im Rechnen, sondern eben im ganzen Selbstbild. Plötzlich öffnet sich wieder ein Raum, in dem es nicht dauernd hinterherhinkt oder Angst hat, schon wieder den Anschluss zu verlieren. Es bekommt die Erfahrung: Ich kann einen Weg gehen. In meinem Tempo. Und ich komme an.
Das ist oft der Moment, in dem die Beine wieder fest auf dem Boden stehen, in dem ein Kind wieder ins Tun kommt. Nicht durch Druck und nicht durch Tempo, sondern weil die Schritte endlich so klein geworden sind, dass das Kind sie tragen kann und weil jemand da ist, der sieht, wo es steht.
Und was ein Kind in dieser Zeit braucht – das bist DU.
Du glaubst an das Kind, nicht laut und nicht mit großen Worten, sondern einfach dadurch, dass du da bist und auch dableibst!
Es spürt, dass es diesen Weg, der mit Sicherheit anstrengend ist, nicht alleine gehen muss, dass du diese wackeligen Momente mit ihm aushältst und die Rückschritte nicht als Scheitern siehst, sondern als Teil seines Lernens. Genau das gibt ihm Halt, gerade dann, wenn es selbst nicht mehr versteht, warum etwas gestern noch so gut ging und heute plötzlich wieder verschwunden scheint.
Dieser Weg ist nicht unmöglich, und genau deshalb bleibt man an der Seite. Man begleitet, Schritt für Schritt und glaubt an sie, auch in den Momenten, in denen sie es selbst nicht tun.
Was ich wirklich sagen kann
Ich bin keine Therapeutin und keine Dyskalkulietrainerin, ich bin Montessori-Pädagogin.
Ich schreibe hier aus der Praxis – aus Stunden voller kleiner Entdeckungen, Rückschritte, Aufleuchtmomenten. Aus diesen Begegnungen, in denen ein Kind plötzlich versteht, was gestern noch unverständlich war. Aus Momenten, in denen sich ein Kind geöffnet hat und über weitere Lernschwierigkeiten gesprochen hat, weil Vertrauen und Zuversicht da waren.
Ich weiß nur, dass diese Wege möglich sind, sie sind nicht immer gerade, nicht immer leicht, aber möglich. Und ich weiß, dass Kinder sie gehen können, wenn wir ihnen Zeit geben und nicht vorauslaufen, sondern neben ihnen bleiben, solange, bis der Weg wieder sichtbar wird und wir am Ende bei derselben Weggabelung wie alle anderen landen.
© Montessori-Online, November 2025 · Geschrieben von Birgit Salvenmoser dipl. Montessori-Pädagogin (Montessori-Akademie | ÖMG)
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