Montessori Entwicklung verstehen:
Was ein Kind mich über Vertrauen gelehrt hat
Gib der Entwicklung Raum … Vertraue dem Kind …Kinder entwickeln sich von selbst.
Das hast du bestimmt auch schon oft gehört.
Doch was bedeutet das eigentlich der Entwicklung Raum geben?
Wie fühlt sich das im Alltag an?
Und was heißt es wirklich, einem Menschen in seiner Entwicklung zu vertrauen?
Als Montessori-Pädagogin begegnet mir dieser Gedanke immer wieder.
Doch ich erlebe ihn nicht nur im pädagogischen Kontext, sondern auch als Mutter, als Partnerin und an mir selbst.
Ich gestehe, bei Kindern fällt es mir um einiges leichter – ich sehe all die Facetten, ich fühle all die Facetten – ich sehe die Verletzlichkeit den Mut, die Kraft, die Schüchternheit, den Wirbelwind, das Stolpern, das Ungeordnet sein, die Kontrolle findend…. ich sehe so viel Potenzial.
Montessori Entwicklung verstehen:
Was ein Kind mich über Vertrauen gelehrt hat
Gib der Entwicklung Raum … Vertraue dem Kind …Kinder entwickeln sich von selbst.
Das hast du bestimmt auch schon oft gehört.
Doch was bedeutet das eigentlich der Entwicklung Raum geben?
Wie fühlt sich das im Alltag an?
Und was heißt es wirklich, einem Menschen in seiner Entwicklung zu vertrauen?
Als Montessori-Pädagogin begegnet mir dieser Gedanke immer wieder.
Doch ich erlebe ihn nicht nur im pädagogischen Kontext, sondern auch als Mutter, als Partnerin und an mir selbst.
Ich gestehe, bei Kindern fällt es mir um einiges leichter – ich sehe all die Facetten, ich fühle all die Facetten – ich sehe die Verletzlichkeit den Mut, die Kraft, die Schüchternheit, den Wirbelwind, das Stolpern, das Ungeordnet sein, die Kontrolle findend…. ich sehe so viel Potenzial.
Aber … wer ist denn derjenige, der eigentlich sagt, dass ein Mensch dies oder jenes exakt zu einem bestimmten Zeitpunkt können muss?
Manchmal vergessen wir dabei, dass Entwicklung nicht nur in dem sichtbar wird, was gerade noch fehlt.
Vielleicht ist dieser Mensch in der Zwischenzeit an ganz anderen Dingen gewachsen, hat Erfahrungen gesammelt, hat etwas über sich selbst gelernt, hat Mut entwickelt oder Vertrauen.
Und dann war da dieser Junge
Ich erinnere mich noch gut an einen Jungen aus meiner Gruppe.
Er war noch keine drei Jahre alt, vielleicht zweieinhalb, vielleicht schon fast drei.
Es gab Entwicklungsbereiche, in denen er noch nicht so weit war und in denen er zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse zeigte.
Und doch legte er unermüdlich das Hunderterbrett ganz alleine und war fasziniert von den Kubikketten und dem darauffolgenden Wurzelziehen.
Ja, das klingt fast unmöglich – aber ich hab es selbst erlebt! ; )
Er liebte es, wenn ich ihm eine Arbeit zeigte, die genau seine momentane Entwicklung berührte.
Morgens schlurfte er mit seinen Patschen direkt zu mir, begrüßte mich, während sein Gesicht strahlte und ich wusste sofort:
Er wollte wieder mit Zahlen jonglieren, er wollte lernen, er wollte die Zeit nutzen, er wollte mehr.
Ich war mir zu diesem Zeitpunkt einfach sicher, dass er in seiner Entwicklung all das, was damals noch nicht so ausgeprägt war, später nachholen würde.
Das heißt, ich hatte keine Angst, denn er war doch noch wirklich so jung, und ich hatte schlichtweg Vertrauen in die Zeit, die er noch brauchte.
Gleichzeitig war dieses Zeitgeben und das Folgen seines kindlichen Interesses für mich nicht immer leicht, denn mein erfahrenes Team sah die Situation anders als ich und bat darum, die offenen Bereiche lieber gezielt zu fördern, anstatt seiner inneren Motivation zu folgen.
Dieser Zwiespalt zwischen meinem inneren Gefühl für das Kind und der Einschätzung des Teams ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Denn in mir entstand ein Widerstand, ich bemerkte, dass der Entwicklung Zeit zu geben in der Theorie viel leichter ist, als in der Praxis umzusetzen.
Ich wollte authentisch arbeiten und das bedeutet auch, wirklich hinter dem zu stehen, was man tut.
Unterschiedliche Sichtweisen gehören zum pädagogischen Alltag dazu und sind oft wertvoll, weil sie unseren Blick erweitern. Natürlich ist es möglich, gut zu arbeiten, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist und sich auf andere Perspektiven einlässt.
Doch in dem Moment, in dem das Kind von seinem Interesse, vom Material, vom Arbeitsort und von mir abgehalten wurde, spürte ich ganz deutlich:
Hier ist etwas, das sich für mich nicht mehr richtig anfühlt und mir wurde klar:
Wenn es mein eigenes Kind wäre, würde ich mir das so nicht für es wünschen.
Denn damit begrenze ich es in etwas, das aus ihm selbst heraus entsteht.
Freiheit zu begrenzen, wäre eine Notwendigkeit, wenn es die Entwicklung eines anderen Kindes stört oder für ihn selbst nicht dienlich ist.
Doch hier war es anders.
Sein Tun und Interesse kam aus ihm selbst heraus und er nahm niemandem etwas weg – er hatte einfach Freude am Lernen!
Sein Puzzle wurde einfach anders zusammengesetzt
Manche Menschen – so wie ich – beginnen bei einem Puzzle immer mit dem Rand.
Ich suche zuerst alle Randteile, lege den Rahmen und arbeite mich dann Stück für Stück ins Innere vor.
Andere Menschen machen es ganz anders und beginnen irgendwo mitten im Bild, legen kleine Bereiche zusammen, verbinden einzelne Teile und erst später entsteht der Rahmen.
Und am Ende?
Am Ende haben beide ihr Puzzle gelöst.
Und bei dem Jungen machte ich mir keine Sorgen darüber, dass er zu dieser Zeit noch wenig sprach oder dass sein Körpertonus manchmal noch etwas wackelig wirkte.
Natürlich habe ich auch das gesehen.
Es darf uns nicht passieren, dass wir ein Kind nur einseitig betrachten, wir müssen immer das ganze Kind sehen. Die Bereiche, in denen etwas noch wachsen darf und die Bereiche, in denen gerade etwas aufblüht.
Doch in diesem Moment sah ich vor allem eines:
Ein Kind, das hundert kleine Täfelchen, die vermischt am Boden lagen, mit großer Konzentration in Ordnung brachte, bereits ein Gefühl für das dekadische System hatte und mich jedes Mal anstrahlte, weil ich eine Antwort auf etwas hatte, das tief in ihm arbeitete und mit mir in Resonanz ging.
Und dieses Strahlen werde ich nie vergessen.
Er kam nicht zu mir, weil ich einfach nett war, oder weil ich mit ihm auf Augenhöhe sprach (mein Pädagogen-Team war ja ebenso freundlich zu ihm)
Er kam immer wieder zu mir, weil ich eine Antwort auf etwas hatte, das tief in ihm wirkte.
Auf seinen inneren Drang nach Entwicklung.
Und dann wurde es nicht mehr so einfach
Jetzt fragst du dich vielleicht, wie es weiterging.
Das Pädagogen-Team und ich hatten alle das gleiche Ziel: diesem Kind gerecht zu werden, auch wenn wir in dieser Situation einen differenzierten Blick auf dasselbe Kind hatten.
Ich glaube, für uns alle war diese Situation nicht einfach.
Nicht für mein Team, das versuchte, ihm andere Bereiche schmackhaft zu machen.
Nicht für mich, die versuchte, eine Antwort auf seine Bedürfnisse zu finden und in diesem Moment – mit dieser Sicht – leider ziemlich alleine dastand.
Und auch nicht für ihn selbst.
Denn er spürte eine Bremse in der vorbereiteten Umgebung, ohne wirklich zu verstehen warum?
Trotz der Spannung, versuchte ich so gut es mir möglich war, ihn durch meine Augen zu begleiten, blieb bei meiner Beobachtung und meinem Vertrauen in seine Entwicklung.
– Und dann geschah etwas Interessantes!
Ich begann die Übungen des praktischen Lebens und Sprachspiele mit seiner Arbeit zu verbinden.
Zum Beispiel leerten wir gemeinsam den Perlenkasten und reinigten mit einem feinen Pinsel sorgfältig jede Ecke des Perlenkastens. So verband sich etwas, das ihn tief berührte – das Mathematik-Material – mit etwas, das zuvor wenig Interesse in ihm geweckt hatte.
Mit großer Sorgfalt legte er die einzelnen Perlen und Perlenstäbchen wieder in die passenden Fächer zurück. Dabei wurde nicht nur das Material gepflegt und Sorge für die eigene Umgebung gelebt, sondern ganz nebenbei wurde auch seine Feinmotorik geschult.
Und mit jedem Mal öffnete er sich ein Stück mehr für andere Tätigkeiten, für neue Erfahrungen, für weitere Entwicklungsschritte.
Und in diesen Momenten wurde mir etwas sehr klar:
Dass Entwicklung nicht immer dort beginnt, wo wir sie vermuten, sondern oft genau dort, wo ein Kind bereits in tiefer Verbindung mit sich selbst ist.
Gleichzeitig erlebte ich, dass meine Beobachtungen und die Erkenntnisse, die daraus entstanden, nicht von allen mitgetragen wurden. So standen zwei Sichtweisen und Arbeitsweisen nebeneinander – getragen von dem gleichen Anliegen, den Jungen in seiner Entwicklung zu begleiten.
… In dieser Zeit spürte ich sehr stark, dass die Art wie ich Montessori verstehe, wie ich Entwicklung fühle und Kinder begleiten möchte, nicht immer überall gleich ausgelebt werden kann.
Und ich erkannte auch, dass es langsam an der Zeit war, einen Ort zu suchen, der mir das ermöglichte …
Mittlerweile müsste er ein junger Mann geworden sein und ich bin mir sicher, er ist seinen Weg gegangen. )
Und falls du das irgendwann einmal in deinem Leben lesen solltest, *****:
Du bist tief in meiner Erinnerung geblieben!
Danke, dass ich dich ein Stück auf deinem Weg begleiten durfte und dass du mir gezeigt hast, was es bedeutet, der Entwicklung zu vertrauen.
Entwicklung hört nie auf …
Irgendwann in meinem Leben bin ich an einen Punkt gekommen, in dem ich akzeptiert habe, dass das ganze Leben ein Lernprozess ist.
Ich habe gemerkt, dass es wie in Wellen kommt – ich gehe einen sehr steilen Berg hinauf der Mühe und Anstrengung kostet und wenn ich auf der anderen Seite bin, dann komm ich fast ins Laufen – ich habe Rückenwind und alles, was zuvor anstrengend war, ist leicht und ich erkenne, was ich da gerade bewältigt habe.
Und dann kommt der nächste Berg. Manchmal ist er nur ein kleiner Hügel, manchmal größer als der Vorherige – aber ich habe erkannt, dass das das Leben ist.
Es wird niemals derselbe Berg sein, den ich besteige und selbst wenn es so wäre, dann nehme ich beim zweiten Mal einen anderen Weg dafür … Entwicklung hört einfach nie auf!
Es baut auf dem auf, was man bereits erlebt, getragen, erkannt hat und dieses Wissen hilft mir, vieles zu überstehen.
Manchmal ist es fast so, als würde ich für einen kurzen Moment innerlich hinauszoomen.
Ich trete einen Schritt zurück und Blicke auf meinen Weg.
Dann sehe ich:
Ah, dort drüben ist sie gerade.
Und ja, da kommen noch einige Berge und Hügel auf sie zu.
(Eigentlich ist mein inneres Bild eine Art unendliche Landschaft, die ich sehe)
Doch wenn ich den Blick in die andere Richtung wende, sehe ich auch:
Wie weit sie schon gegangen ist und wie viele Schritte bereits hinter ihr liegen.
Welche Berge sie schon erklommen und überstanden hat.
… Und plötzlich verändert sich dann immer etwas in mir, denn dann wird mir wieder bewusst:
Entwicklung geschieht unentwegt!
Ich weiß, das ist nicht immer leicht … zumindest fiel es mir oft nicht leicht und ich musste am eigenen Leib lernen, dass ich manchmal Fallen muss, um wieder aufzustehen.
Und jeder Stolperer, jedes Fallen, jedes Wiederaufstehen und jedes erneute Hinaufklettern war Teil dieses Weges – und hat sich letztlich richtig angefühlt … weil es Entwicklung ist.
© Montessori-Online, April 2026 · Geschrieben von Birgit Salvenmoser dipl. Montessori-Pädagogin (Montessori-Akademie | ÖMG)
Vielleicht hast du beim Lesen gespürt, dass Montessori mehr ist als eine Methode.
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