„Mama, du bist so peinlich …“
Wenn Kinder beginnen, sich von uns abzugrenzen
Als meine älteste Tochter langsam in diese Phase kam, war ich selbst noch Ende zwanzig, Anfang dreißig und damit eine ziemlich junge Mama, und wenn ich ehrlich bin, war ich bis dahin fest davon ausgegangen, dass mir dieses „Mama, du bist so peinlich“ wahrscheinlich erspart bleiben würde.
Ich hatte meine erste Tochter sehr jung bekommen und sah um mich herum viele Eltern, die deutlich älter waren als ich, weshalb ich wohl ganz selbstverständlich angenommen hatte, dass das Alter dabei irgendeine Rolle spielen und mich diese Phase deshalb vielleicht gar nicht betreffen würde.
Wie sehr ich mich damit getäuscht hatte, wurde mir ziemlich schnell bewusst, denn natürlich kam dieser Moment auch bei uns und ich durfte feststellen, dass es offenbar vollkommen unerheblich ist, wie alt eine Mutter ist: Irgendwann kann sie für ihr eigenes Kind trotzdem unglaublich peinlich werden.
Wenn ich also jetzt zurückblicke, dann weiß ich, dass diese plötzliche Abgrenzung natürlich viel weniger mit mir zu tun hatte, als ich damals annahm.
„Mama, du bist so peinlich …“
Wenn Kinder beginnen, sich von uns abzugrenzen
Als meine älteste Tochter langsam in diese Phase kam, war ich selbst noch Ende zwanzig, Anfang dreißig und damit eine ziemlich junge Mama, und wenn ich ehrlich bin, war ich bis dahin fest davon ausgegangen, dass mir dieses „Mama, du bist so peinlich“ wahrscheinlich erspart bleiben würde.
Ich hatte meine erste Tochter sehr jung bekommen und sah um mich herum viele Eltern, die deutlich älter waren als ich, weshalb ich wohl ganz selbstverständlich angenommen hatte, dass das Alter dabei irgendeine Rolle spielen und mich diese Phase deshalb vielleicht gar nicht betreffen würde.
Wie sehr ich mich damit getäuscht hatte, wurde mir ziemlich schnell bewusst, denn natürlich kam dieser Moment auch bei uns und ich durfte feststellen, dass es offenbar vollkommen unerheblich ist, wie alt eine Mutter ist: Irgendwann kann sie für ihr eigenes Kind trotzdem unglaublich peinlich werden.
Wenn ich also jetzt zurückblicke, dann weiß ich, dass diese plötzliche Abgrenzung natürlich viel weniger mit mir zu tun hatte, als ich damals annahm …
Es lag nicht daran, dass ich …
Denn nein, es lag nicht daran, dass ich plötzlich irgendetwas anders gemacht hätte, und schon gar nicht daran, dass meine Tochter mich weniger liebte! Sie tat einfach genau das, was Kinder irgendwann auch tun müssen, indem sie begann sich von mir abzugrenzen, um sich selbst als eigenständigen Menschen wahrzunehmen.
Und obwohl ich mich schon damals intensiv mit Entwicklungspsychologie beschäftigte und eigentlich wusste, dass diese Abgrenzung zu einer gesunden Entwicklung dazugehört, trafen mich manche ihrer Bemerkungen trotzdem, denn zwischen etwas fachlich zu wissen und es als Mutter mit dem eigenen Kind zu erleben, liegen manchmal Welten. In solchen Momenten meldet sich eben nicht zuerst die Pädagogin in uns, die das Verhalten entwicklungspsychologisch einordnet und versteht, sondern das Herz einer Mama, die sich fragt, warum das eigene Kind plötzlich so auf Abstand geht, warum etwas, das noch vor gar nicht allzu langer Zeit selbstverständlich war, auf einmal unangenehm oder sogar peinlich ist und ob sich vielleicht auch in unserer Beziehung etwas verändert hat.
Und das Ganze passierte gefühlt über Nacht.
Ich erinnere mich noch gut daran, dass Dinge, die bis dahin völlig selbstverständlich gewesen waren, plötzlich neu verhandelt wurden. Ein Abschiedsbussi, das über Jahre einfach zu unserem Alltag gehört hatte, konnte auf einmal unangenehm sein, meine Anwesenheit in bestimmten Situationen war plötzlich nicht mehr selbstverständlich erwünscht und auch der Ton veränderte sich mitunter so deutlich, dass ich mich ernsthaft fragte, was da gerade mit meinem Kind passierte.
Heute weiß ich, dass sich tatsächlich etwas verändert hatte, allerdings nicht so, wie es sich in diesen Momenten vielleicht angefühlt hatte. Nicht unsere Beziehung war plötzlich eine andere geworden, sondern meine Tochter befand sich inmitten eines Entwicklungsprozesses, in dem sie beginnen musste, sich selbst immer stärker unabhängig von mir und von uns als Familie wahrzunehmen.
Mittlerweile ist unsere älteste Tochter schon seit einigen Jahren erwachsen und vielleicht kann ich gerade deshalb heute so gut über diese Zeit schreiben, weil ich inzwischen nicht mehr nur auf die Phase der Abgrenzung zurückblicke, sondern auch darauf, was danach kam.
Wenn aus „Wir“ langsam „Ich“ wird
Wenn wir unsere Kinder in dieser Phase beobachten, dann liegt die Versuchung oft sehr nahe, ihr Verhalten auf uns zu beziehen, denn natürlich tut es weh, wenn das eigene Kind plötzlich genervt die Augen verdreht, einen bittet, vor der Schule bitte nicht zu warten, oder am liebsten zwanzig Meter Abstand zwischen sich und uns hätte, obwohl es doch noch vor gar nicht allzu langer Zeit ganz selbstverständlich unsere Hand genommen oder sich ohne zu zögern an uns angekuschelt hat. Auch wenn wir wissen, dass diese Abgrenzung dazugehört, kann sie ganz schön wehtun. Und genau das macht es manchmal so schwer, das Verhalten unseres Kindes nicht persönlich zu nehmen.
In den ersten Lebensjahren erleben sich Kinder noch sehr stark über ihre Familie, übernehmen anfangs ganz selbstverständlich unsere Sicht auf die Welt, unsere Werte, unsere Sprache, unsere Gewohnheiten und auch unsere Überzeugungen, weil sie all das brauchen, um überhaupt ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung entwickeln zu können.
Bestimmt kennst du das typische „Nein!“ des Kleinkindes noch sehr gut, denn auch dieses Nein war keine Ablehnung seiner Eltern, sondern Ausdruck einer wichtigen Entwicklungsaufgabe: Das Kind begann zu entdecken, dass es ein eigenständiger Mensch mit einem eigenen Willen ist. In der Pubertät begegnet uns diese Entwicklung noch einmal, allerdings auf einer ganz anderen Ebene. Nun geht es nicht mehr nur darum, selbst entscheiden oder etwas alleine machen zu wollen, sondern immer mehr um die viel größere Frage: Wer bin ich eigentlich?
Um das herauszufinden, wer ich eigentlich bin, muss ich irgendwann auch entdecken dürfen, was ich selbst denke und möchte. Und manchmal gehört dazu eben auch, ganz bewusst anderer Meinung zu sein als Mama und Papa.
Genau hier beginnt dieser Ablösungsprozess. Das bedeutet aber keineswegs, dass unsere Kinder uns plötzlich nicht mehr brauchen – ganz im Gegenteil – sie brauchen uns nach wie vor, nur verändert sich die Art, wie sie uns brauchen.
Dabei gibt es natürlich Kinder, bei denen diese Abgrenzung kaum zu übersehen ist. Und andere, bei denen man sie erst viel später bemerkt.
Das eine Kind braucht plötzlich deutlich mehr Abstand, beim anderen verändert sich nur ganz langsam etwas. Und auch der Zeitpunkt ist bei jedem ein anderer. Am Ende geht es aber immer darum: Unsere Kinder werden größer, probieren sich aus und finden nach und nach heraus, wer sie eigentlich sein möchten.
Warum ausgerechnet die Eltern peinlich werden
Wir Eltern bekommen diese Abgrenzung meist besonders deutlich zu spüren, also genau die Menschen, die unserem Kind eigentlich am nächsten stehen.
Das wirkt für den ersten Moment ziemlich widersprüchlich, es ergibt aber durchaus Sinn, denn schließlich waren wir über viele Jahre die Menschen, an denen sich unser Kind orientiert hat und die ganz selbstverständlich zu seiner Welt gehört haben.
Hinzu kommt, dass sich mit dem Eintritt in die Pubertät noch etwas Entscheidendes verändert, denn während für kleine Kinder die Eltern die wichtigste Orientierung darstellen, verschiebt sich der Blick nun immer stärker nach außen, hin zu den Gleichaltrigen, deren Meinung plötzlich ein starkes Gewicht bekommt.
Dazuzugehören, angenommen zu werden und nicht aus der Gruppe herauszufallen, wird nun zu einem zentralen Bedürfnis, weil die Entwicklungsaufgabe eben auch darin besteht, den eigenen Platz außerhalb der Familie zu finden und herauszufinden, wer man im Miteinander mit anderen sein möchte.
Und genau deshalb werden ausgerechnet wir Eltern plötzlich peinlich. Nicht unbedingt, weil wir tatsächlich etwas Peinliches tun, sondern wir gehören einfach sehr deutlich zu der Kindheit, von der sich unser Kind gerade ein Stück entfernen möchte. Es liegt nicht daran, dass wir über Nacht unseren Humor verloren hätten, plötzlich seltsame Kleidung tragen, einen komischen Musikgeschmack besitzen oder uns auf einmal merkwürdig benehmen würden, sondern vielmehr daran, dass unsere Kinder uns noch sehr stark mit ihrer Kindheit und der vertrauten Welt verbinden, aus der sie nun beginnen hinauszutreten.
Vermutlich kennst du das auch: Zu Hause erzählt dein Kind noch ganz selbstverständlich von seinem Tag, lacht mit dir, sucht deine Nähe und fragt dich vielleicht sogar um Rat. Und dann tauchen die Freund*innen auf und plötzlich sollst du bitte nicht mehr winken, den Kosenamen am besten ganz vergessen, dich überhaupt möglichst unauffällig verhalten und in den Inkognito-Modus schlüpfen.
Das kann einen im ersten Moment schon treffen. Gerade eben war noch alles wie immer und kaum sind die Freund*innen da, soll man sich am besten in Luft auflösen. Ich weiß noch, dass ich mich in solchen Situationen manchmal gefragt habe, was denn jetzt plötzlich los ist. Dabei war zwischen uns eigentlich gar nichts passiert. In diesem Moment waren einfach die anderen wichtig und mit ihnen auch die Frage: Wie wirke ich eigentlich auf meine Freund*innen?
Wenn wir den Satz „Mama, du bist so peinlich“ wörtlich nehmen, hören wir darin vor allem die Kränkung heraus.
Wenn wir ihn aber ein wenig übersetzen, könnte er vielleicht auch heißen: „Bitte hilf mir und gib mir Raum meinen eigenen Platz zu finden, auch wenn sich das für dich im Moment wie Zurückweisung anfühlt.“
Und ganz ehrlich, natürlich würde kein Jugendlicher diesen Satz so formulieren und wahrscheinlich würde er bei dieser Übersetzung sogar genervt mit den Augen rollen, aber dieser andere Blickwinkel macht das ganze wiederum auch so wertvoll, denn es hilft uns das Verhalten besser zu verstehen und zu erkennen welche Entwicklungsaufgabe sich gerade darunter verbirgt.
Natürlich müssen wir deshalb nicht plötzlich alles durchgehen lassen, auch in der Pubertät darf man seinem Kind sagen: „Hey, das hat mich gerade verletzt.“ Oder dass ein bestimmter Ton einfach nicht in Ordnung war. Abstand brauchen und sich abgrenzen ist das eine, respektlos werden etwas anderes. Gleichzeitig hilft es, sich immer wieder bewusst zu machen, dass hinter einem genervten Spruch oft viel mehr steckt als das, was bei einem in diesem Moment ankommt. Nicht alles davon sagt etwas über die Beziehung aus, auch wenn es sich manchmal genau danach anfühlt.
Wenn auch wir Eltern loslassen müssen
Wenn wir ehrlich sind, dann löst diese Phase auch in uns Eltern etwas aus. Über viele Jahre waren wir der sichere Hafen, wurden selbstverständlich in den Arm genommen, unsere Nähe wurde gesucht und unsere Anwesenheit vermittelte Sicherheit, und nun steht da plötzlich ein Kind, das genau diese Nähe nicht mehr jederzeit zeigen möchte.
Dass uns das trifft, ist menschlich, denn auch wir müssen uns in dieser Zeit von einer Vorstellung verabschieden, die viele Jahre selbstverständlich war, nämlich der, immer und überall in derselben Form willkommen zu sein.
Mitunter ist das vermutlich auch einer der Gründe, warum manche Eltern beginnen, sich über diese Abgrenzung ein wenig lustig zu machen, dem Kind vor den Freund*innen extra noch einmal zuzuzwinkern, einen Kosenamen hinterherzurufen oder einen scherzhaften Kommentar über die „typische Pubertät“ zu machen.
Nicht unbedingt, weil sie die Gefühle ihres Kindes nicht ernst nehmen, sondern weil Humor manchmal eine sehr menschliche Art ist, mit der eigenen Unsicherheit, Traurigkeit oder auch einer kleinen Kränkung umzugehen, und wir Erwachsenen nicht selten versuchen, ein Gefühl, das uns unangenehm ist, mit einem Lächeln zu überspielen.
Doch wenn wir hinschauen, dient eine solche Reaktion häufig eher unserem eigenen Bedürfnis als dem unseres Kindes. Sie hilft uns vielleicht für einen kurzen Moment, mit unserer Kränkung umzugehen, macht es unserem Kind aber schwerer, genau das zu tun, was es gerade lernen muss: sich in einem geschützten Rahmen als eigenständiger Mensch zu erleben.
Und genau hier liegt vermutlich auch ein Wundpunkt für uns Eltern: Ein Teil von uns hätte es eben gerne noch ein bisschen so wie früher, als die Nähe noch selbstverständlich war und wir uns keine Gedanken darüber machen mussten, ob eine Umarmung, ein Küsschen oder ein lieber Zuruf gerade willkommen ist. Und manchmal möchten wir dieses Vertraute einfach noch ein bisschen festhalten.
Nur braucht unser Kind jetzt etwas anderes von uns.
Es muss merken dürfen, dass es auf Abstand gehen kann, ohne dass wir ihm diesen Abstand übel nehmen oder gleich an unserer Beziehung zweifeln. Das ist nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn wir selbst eigentlich gerade das Bedürfnis hätten, unser Kind wieder ein Stück näher bei uns zu haben.
Ich glaube, dieses Gefühl darf auch da sein. Wir sollten nur aufpassen, dass unser Kind nicht das Gefühl bekommt, für unsere Wehmut verantwortlich zu sein. Mir hat es geholfen, darauf zu vertrauen, dass ein bisschen Abstand nicht gleich bedeutet, dass etwas zwischen uns verloren geht. Vielleicht braucht es diese Zeit sogar, damit wir uns später wieder auf eine ganz neue Art nahe sein können.
Wenn dein Kind dich gerade peinlich findet, dann möchte ich dir deshalb vor allem eines mitgeben: Versuche nicht, plötzlich cooler zu werden, dein Kind davon zu überzeugen, dass du doch eigentlich gar nicht peinlich bist, oder mit aller Kraft die Nähe zurückzuholen, die vor wenigen Jahren noch so selbstverständlich war, oder aus Trotz noch schnell einen besonders peinlichen Mum-Joke fallen zu lassen, sondern vertraue darauf, dass du auch jetzt genau das bleiben darfst, was du all die Jahre gewesen bist. Sie sollen schließlich wissen: Du darfst deinen eigenen Weg gehen, ohne dass dadurch das zwischen uns verloren geht.
Die Haltung, mit der wir diese Zeit begleiten
Während ich diesen Beitrag geschrieben habe, musste ich an ein Zitat denken:
„Die Einstellung der Eltern zu ihren Kindern – sowohl in der frühen Kindheit als auch in der Pubertät – ist ein ganz wichtiger Faktor, der ihre künftige Einstellung sich selbst und ihren Mitmenschen gegenüber entscheidend mitbestimmt.“ – Mario Montessori
Ich glaube, genau darauf kommt es in dieser Phase an, es geht nicht darum, dass wir jedes Verhalten unserer Kinder gut finden oder jede Grenze kommentarlos hinnehmen müssen. Denn auch ich musste in dieser Zeit lernen, manches anders zu sehen. Natürlich fand ich nicht alles in Ordnung, was mein Kind sagte oder tat. Darum geht es auch gar nicht. Aber ich habe gemerkt, dass es einen Unterschied macht, ob ich jedes Augenrollen und jeden genervten Spruch sofort auf mich beziehe oder mir erst einmal bewusst mache, was sich bei meinem Kind und diesem jungen Menschen auf dem Weg ins Erwachsenenleben, gerade alles verändert. Das ist mir ganz sicher nicht immer gelungen. Manchmal hat es mich verletzt, manchmal reagieren wir aus diesem Gefühl heraus und manchmal fällt uns erst später auf, was da eigentlich gerade zwischen uns und unserem Kind passiert ist. Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht immer im ersten Moment alles richtig machen. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, im Nachhinein noch einmal hinzuschauen, die eigene Reaktion zu reflektieren und zu verstehen, welches Bedürfnis auf unserer Seite und welche Entwicklungsaufgabe auf der Seite unseres Kindes gerade aufeinandergetroffen sind.
Und manchmal habe ich meinem Kind später auch erzählt, was eigentlich in mir vorgegangen war und warum ich so reagiert hatte. Schließlich sind unsere Kinder in diesem Alter ja auch schon groß genug, um mit ihnen über solche Gefühle und Reaktionen zu sprechen. Und wenn ich gemerkt habe, dass meine Reaktion nicht fair war, habe ich mich dafür auch entschuldigt
Unsere Kinder werden sich vermutlich nicht daran erinnern, ob wir besonders cool waren. Sie werden sich aber daran erinnern, ob sie sich auch in einer Zeit, in der sie Abstand brauchten, weiterhin angenommen und sicher fühlen durften. Wir müssen also gar nicht versuchen, weniger peinlich zu sein, wir dürfen uns stattdessen fragen: Was braucht mein Kind gerade von mir, auch wenn das im Moment ein bisschen mehr Abstand ist?
Und irgendwann ist Mama gar nicht mehr so peinlich
Und auch wenn es sich mitten in dieser Phase manchmal kaum vorstellen lässt, bleibt diese Form der Abgrenzung nicht für immer bestehen. Mit der Zeit wird die eigene Identität sicherer, der junge Mensch findet zunehmend seinen Platz und die Notwendigkeit, sich immer wieder über die Abgrenzung von den Eltern zu definieren, verliert an Bedeutung, sodass Gespräche, gemeinsame Unternehmungen und Momente der Nähe wieder ganz selbstverständlich entstehen können. Und zwar nicht, weil das Kind auf uns angewiesen ist, sondern weil es sich ganz bewusst dafür entscheidet.
Mittlerweile ist unsere älteste Tochter schon seit einigen Jahren erwachsen und aus dem Mädchen, das damals herausfinden musste, wer es unabhängig von uns und unserer Familie eigentlich ist, ist eine junge Frau geworden, die ihren eigenen Platz im Leben gefunden hat.
Und ich muss heute manchmal schmunzeln, wenn ich daran denke, wie peinlich ich zeitweise für mein Kind war und Jahre später plötzlich die eigenen Parfums nicht mehr sicher im Regal stehen, der Lieblingspullover wie von selbst aus dem Kleiderschrank verschwindet und ganz selbstverständlich am Körper der inzwischen erwachsenen Tochter wieder auftaucht.
Denn wer zunehmend weiß, wer er selbst ist, muss sich nicht mehr ständig darüber definieren, wer er nicht ist, – Aus der Mama, die bloß nicht gesehen werden sollte, wird irgendwann wieder eine Frau, deren Kleidung, Schmuck oder Parfum und Meinung offenbar doch gar nicht so schlecht sind. ; )
Unsere Kinder müssen tatsächlich erst ein Stück von uns weggehen dürfen, bevor sie uns wieder ganz selbstverständlich nahekommen können … dann allerdings nicht mehr als das Kind, das unsere Nähe braucht, sondern als der erwachsene Mensch, der sie aus freien Stücken sucht.
P.S.: Ein besonderes Danke geht an meine älteste Tochter, die mir nicht nur erlaubt hat, die Fotos von ihr für diesen Beitrag zu verwenden, sondern sich auch die Zeit genommen hat, den Artikel vor der Veröffentlichung zu lesen und ihn zu meiner großen Freude richtig gut fand. : )
© Montessori-Online, August 2026 · Geschrieben von Birgit Salvenmoser dipl. Montessori-Pädagogin (Montessori-Akademie | ÖMG)
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